(BUP) Was haben der norwegische Pensionsfonds, die Stadt Münster und die
Universität Glasgow gemeinsam? Alle haben entschieden, ihre Geldanlagen
aus dem fossilen Energiesektor abzuziehen. Damit sind sie Teil einer
weltweiten Bewegung, die nun auch in Deutschland immer mehr Fahrt
aufnimmt. Die GRÜNEN haben jetzt erstmals die Geldanlagen des Landes mit
einer parlamentarischen Anfrage durchleuchtet (Drucksache 6/3931). Und
auch Mecklenburg-Vorpommern hat mehrere Millionen Euro in Kohle, Öl und
Gas angelegt.
„Die Landesregierung hat eingeräumt, dass sie
derzeit keine ökologischen und sozialen Kriterien bei der Anlage von
Landesgeldern berücksichtigt. Wenn wir aber den Klimawandel begrenzen
wollen, dürfen 80 Prozent der derzeit bekannten Kohle-, Erdöl- und
Erdgasvorkommen nicht verbrannt werden. Dennoch investiert das Land
einen Teil des Pensionsfonds der Landesbeamten in die größten Kohle- und
Ölfirmen“, kritisiert der finanzpolitische Sprecher der GRÜNEN,
Johannes Saalfeld. „Es ist doch verrückt, dass das Land auf der einen
Seite das Klima schützen will, aber auf der anderen Seite öffentliche
Gelder in Unternehmen anlegt, deren Geschäftsmodell darauf basiert, fünf
mal mehr Kohlenstoffdioxid freizusetzen, als unser Klima und unser
Planet vertragen kann.“
Im Pensionsfonds für die Landesbeamten,
der zwischenzeitlich auf 155 Millionen Euro angewachsen ist, liegen rund
31 Millionen Euro in Form von Aktien. In diesen Fonds sind auch Firmen,
die auf der Liste der weltweit 200 größten Kohle- und Ölfirmen stehen
wie z.B. Total (Frankreich), RWE (Deutschland), Repsol (Spanien) und Eni
Agip (Italien). Eni Agip wird unter anderem auch die Finanzierung von
Bürgerkriegen und Waffenhandel, die Zerstörung der Lebensgrundlagen in
Ölfördergebieten sowie die Kooperation mit Militärregimen vorgeworfen
(vgl. Schwarzbuch der Markenfirmen, Ullstein 2012).
„Ich fordere
daher ein Umdenken bei der Landesregierung. In den nächsten fünf Jahren
können die Geldanlagen nach ökologischen, ethischen und sozialen
Kriterien umstrukturiert werden. Als Erstes muss die Landesregierung
jedoch Transparenz herstellen und offenlegen, in welche Aktien und
Anlagen das Land investiert, anstatt die Informationen weiter unter
Verschluss zu halten. Im nächsten Schritt muss eine Anlagerichtlinie
erarbeitet werden, die ökologische, ethische und soziale Kriterien
berücksichtigt", so Saalfeld.
„Nach Ansicht von Finanzexperten
stecken gerade in Kohle- und Ölkonzernen hohe finanzielle
Ausfallrisiken, wenn der Großteil der Kohle und des Öls im Boden bleiben
muss. Die Bank von England hat jüngst vor den Finanzrisiken der
Kohlenstoffblase gewarnt und will in 2015 einen Bericht dazu vorlegen.
Diese Risiken sind absolut Ernst zu nehmen,“ so Saalfeld.
Zudem
sei derzeit nicht erkennbar, ob von den dreistelligen Millionenbeträgen,
die das Land in unterschiedlichsten Formen angelegt hat, überhaupt Geld
in der Region bleibt. Die GRÜNEN haben erhebliche Zweifel, ob das
eigene Landesgeld für Unternehmen im Land arbeitet. „Das Land muss eine
Regionalisierungsstrategie erarbeiten, damit zumindest ein Teil des
angelegten Landesgeld in Zukunft auch die Entwicklung von Unternehmen in
Mecklenburg-Vorpommern unterstützt“, fordert Saalfeld. Neben Anleihen
beim Bund und bei anderen Bundesländern investiert die Landesregierung
im Rahmen des Pensionsfonds zum Beispiel bei der ING Bank, ABN AMRO
Bank, UniCredit Bank oder der Hypothekenbank Frankfurt (Commerzbank).
Regionale Emittenten, wie zum Beispiel die regionalen Sparkassen, werden
derzeit nicht genutzt.
Hintergrund:
Wenn die
Erderwärmung auf 2 Grad Celsius beschränkt bleiben soll, dann dürfen nur
noch 565 Gigatonnen Kohlenstoffdioxid aus fossilen Brennstoffen
freigesetzt werden. Demgegenüber stehen jedoch rund 2800 Gigatonnen
Kohlenstoffdioxid, die bei Nutzung aller bekannten fossilen
Energiereserven entstehen würden. Das heißt, dass 80 Prozent der derzeit
bekannten Kohle-, Erdöl- und Erdgasvorkommen nicht verbrannt werden
dürfen, um unter der 2-Grad-Marke zu bleiben. Ein Großteil der fossilen
Energiereserven muss also unter der Erde bleiben und sind somit für
Kohle-, Erdöl- und Erdgasunternehmen finanziell wertlos.
McKinsey
und der Carbon Trust haben ausgerechnet, dass diese verlorenen
Vermögenswerte mehr als 30 bis 40 Prozent des Unternehmenswertes
gefährden könnten, denn die Aktienkurse spekulieren darauf, dass die
Rohstoffe gehoben werden. Diese abzuschreibenden Vermögenswerte stellen
ein erhebliches finanzielles Risiko für Investoren und das Wirtschafts-
und Finanzsystem dar (sogenannte „Kohlenstoffblase").
Deswegen
ziehen weltweit immer mehr Institutionen und Investoren unter dem
Schlagwort „Carbon Divestment" ihr Kapital aus der fossilen
Energiebranche ab. Die Verschiebung klimaschädlicher Investitionen in
nicht-klimaschädliche Anlagen soll einen Beitrag zur Einhaltung der
Klimaziele leisten, den Wandel hin zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft
fördern und das Finanzrisiko verringern.
1,2 Billionen Euro
betragen laut einer Studie der Grünen Europafraktion die Investitionen
in Europa in die fossile Energiebranche. 400 Milliarden in Finanzanlagen
der Versicherungsunternehmen, 330 Milliarden in Finanzanlagen von
Rentenfonds, 480 Milliarden in den Finanzanlagen von Banken.
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