MEHR DEMOKRATIE e.V.
LANDESVERBAND HAMBURG
13. Mai
2014
Bürgerbeteiligung: Gestaltungsmacht oder Mitmachfalle?
Eigentlich sollte es in einer Demokratie
selbstverständlich sein: dass Bürgerinnen und Bürger mitentscheiden können, was
mit ihrer Stadt geschieht. Dass die Praxis in Hamburg oft frustrierend anders
aussieht, war das große Thema auf dem Beteiligungsforum im Bürgerhaus
Wilhelmsburg, bei dem es am Freitag, 9.5.2014, um „Bürgerbeteiligung -
Gestaltungsmacht oder Mitmachfalle?“ ging. Eingeladen hatten u.a. der
Einwohnerverein St. Georg, der Verein Zukunft Elbinsel Wilhelmsburg und wir,
Mehr Demokratie e.V., im letzten Newsletter Anfang Mai.
Das Echo war
überraschend groß und vielfältig, nahezu alle Ecken Hamburgs waren mit
Bürgerinitiativen vertreten.
Von den rund 150 Teilnehmer_innen kamen
eindrucksvolle Schilderungen darüber, wie Bürgerinitiativen ausgebootet werden –
auch und gerade dann, wenn sich Politik, Verwaltung und Investoren scheinbar
kompromissbereit zeigen. Selbst das viel gelobte neue Transparenzgesetz bietet
keinen Schutz davor. Ingo Böttcher von „Hamburgs Wilder Osten“ berichtete z.B.
von einem Spruch des Verwaltungsgerichts, nach dem bezirkliche Bauausschüsse
ihre Sitzungen ohne Begründung als vertraulich deklarieren dürfen. Auch gegen so
genannte Weisungen von Fachbehörden an einen Bezirk, bestimmte Maßnahmen
durchzusetzen, haben Bürgerinitiativen kaum Chancen. Dafür nehmen aber seit
einigen Jahren öffentliche Info-Veranstaltungen zu, die als Bürgerbeteiligung
firmieren, obwohl dabei nur Planungen vorgestellt werden, die schon beschlossen
sind. Die Unzufriedenheit vieler Hamburger_innen mit solchen von
Consultingfirmen professionell gestalteten „Akzeptanzbeschaffungsabenden“ war in
Wilhelmsburg überdeutlich.
Es gab jedoch nicht nur ein vielstimmiges
Klagelied, sondern vor allem einen kraftvollen Blick nach vorn. Manuel Humburg
vom Verein „Zukunft Elbinsel Wilhelmsburg“ stellte klärend fest: Der eine,
einzige Königsweg zu nachhaltigen Mitspracherechten kann auch auf einem solchen
vielgestaltigen Forum nicht gefunden werden. Deutlich wurde aber auch:
Bürgerinitiativen sind heute anders als noch vor zwanzig Jahren. Das Internet
hat Möglichkeiten der Vernetzung eröffnet, die es früher nicht gab. Initiativen
sind beharrlicher, informierter, kreativer und rechtskundiger geworden. Nils
Boeing vom Netzwerk „Recht auf Stadt“ sprach von Widerstandsmanagement, die Idee
einer Fortbildungsakademie für Bürgerinitiativen kam auf. Die Forderung nach
einer starken kommunalpolitischen Ebene für Hamburg wurde auch bei der
abendlichen Diskussion mit Bezirks- und Bürgerschaftspolitiker_innen
laut.
Für die Stadtteilbeiräte, die es in unterschiedlicher Intensität
zum Teil seit Jahrzehnten gibt, berichtete Michael Joho aus St. Georg, wie
dieses bewährte Instrument der Bürgerbeteiligung zunehmend beschnitten wird:
Kürzung der Zuschüsse, weniger Information durch Behörden, weniger
Möglichkeiten, unabhängige Experten hinzu zu ziehen. Johos Hauptforderungen:
Erhalt und Einrichtung von Stadtteilbeiräten mit der nötigen finanziellen,
personellen und räumlichen Ausstattung überall dort, wo es gewünscht wird;
Schaffung eines eigenen Etatpostens „Stadtteilbeiräte“ im Hamburger Haushalt und
Verfügungsfonds für alle Quartiere mit Stadtteilbeiräten; gesetzliche
Absicherung von Beteiligungsstrukturen auf Stadtteilebene und frühzeitige
Einbindung z.B. bei Planungsverfahren.
Große Einigkeit herrschte auch bei
der Forderung an die Politik, der versprochenen Stärkung der Bezirke endlich
messbare Taten folgen zu lassen. Vor allem das Konzept der Einheitsgemeinde, das
den Bezirken nur wenig Spielraum lässt, galt einigen Rednern als nicht mehr
zeitgemäß. Den Kritikern war aber auch klar, dass für eine grundlegende Reform,
um zum Beispiel eigenständige Kommunen aus den Bezirken zu machen, die
hamburgische Verfassung geändert werden müsste. Für Mehr Demokratie stand fest,
dass die Verfahrenstricks, mit denen Bürgerbegehren und Bürgerentscheide
ausgehebelt werden (wie z.B. bei Langenhorn 73 oder Eden für Jeden), dann nicht
mehr möglich wären. Für den Verein „Zukunft Elbinsel Wilhelmsburg“ brachte es
Michael Rothschuh auf den Punkt: „Nur wenn Bürger_innen in dieser Weise
Verhinderungsmacht haben, haben sie auch Verhandlungsmacht und bleiben nicht
bloße Bittsteller. So können sie konstruktiv Alternativen aufzeigen und
umsetzen.“
Letztendlich war das Beteiligungsforum ein voller Erfolg mit
guten inhaltlichen Beiträgen. Wir bedanken uns bei jedem, der dieses Forum zu
dem gemacht hat, was es war. Insbesondere Hanne Hollstegge, der
Hauptorganisatorin, Anette Kretzer und Hartmut Sauer, die den Nachmittag sowie
den Abend toll moderiert hatten und natürlich den Berichterstattern zu den
einzelnen Themenblöcken.
Wir hoffen, dass wir uns im Herbst auf ein
zweites Forum freuen können und ihr Interesse geweckt haben.
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