12. August 2024

Stefan Zweig

 Verzicht


Linder schwebt der Stunden Reigen

Über schon ergrautem Haar,

Denn erst an des Bechers Neigen

Wird der Grund, der goldne klar.


Vorgefühl des nahen Nachtens

Es verstört nicht – es entschwert!

Reine Lust des Weltbetrachtens

kennt nur, wer nicht mehr begehrt,


Nicht mehr fragt, was er erreichte,

Nicht mehr klagt, was er gemisst

Und dem Altern nur der leichte

Anfang seines Abschieds ist.


Niemals glänzt der Ausblick freier

als im Glast des Scheidelichts,

nie liebt man das Leben treuer

als im Schatten des Verzichts.



Stefan Zweig

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