Wolfgang Schäubles Amtssitz in der Berliner Wilhelmstraße ist bereits
umbenannt: "Bundesministerium der Finanzen - eine Filiale der Deutschen
Bank", steht auf einem Schild auf der Natursteinfassade des mächtigen
Gebäudes. Aktivisten der Verbraucherorganisation foodwatch, verkleidet
als Mitarbeiter der Deutschen Bank, halten ein Portrait des Ministers im
goldenen Rahmen in die Höhe: "Wolfgang Schäuble, Mitarbeiter des
Monats" steht über dem Logo der Deutschen Bank. Daneben prangt der Text:
"Danke Wolfgang, unser Geschäft mit dem Hunger darf weitergehen. Deine
Deutsche Bank".
Mit dieser Demonstration hat foodwatch heute
Vormittag um 10.30 Uhr gegen die Haltung des Bundesfinanzministers im
Kampf gegen die Folgen von Nahrungsmittelspekulation protestiert. Herr
Schäuble hatte sich öffentlich stets für eine effektive Regulierung und
eine Eindämmung spekulativer Exzesse ausgesprochen - dieses Versprechen
bricht er nun, wenn er dem in dieser Woche ausgehandelten Kompromiss bei
der europäischen Finanzmarktrichtlinie MiFID zustimmt. Diese wird
Spekulationsexzesse auf den Terminbörsen für Agrarrohstoffe nicht
verhindern und damit die Deutsche Bank und andere weiter machen lassen
wie bisher.
"Herr Schäuble ist als großer Regulierer gestartet
und als Bettvorleger von Anshu Jain gelandet. Der Bundesfinanzminister
agiert als willfähriger Dienstleister der Finanzindustrie", kritisierte
foodwatch-Geschäftsführer Thilo Bode. "Wer dieser verfehlten
EU-Richtlinie zustimmt, macht sich mitschuldig am Hunger in der Welt.
Nicht nur die Deutsche Bank, sondern auch Wolfgang Schäuble muss jetzt
als Hungermacher bezeichnet werden."
Öffentlich hatte der
Bundesfinanzminister stets "eine strikte Regulierung" gefordert, weil
nur diese "destabilisierende Auswirkungen auf die Nahrungsmittelpreise"
verhindern könnte. "Kein Finanzmarkt, kein Finanzakteur, kein Produkt
darf mehr unbeaufsichtigt bleiben", versprach Schäuble. Und zur Ende der
1990er Jahre erfolgten Deregulierung, die Spekulationsexzesse erst
möglich gemacht hatte, sagte er betont selbstkritisch: "Alle haben bei
diesem Wahnsinn mitgemacht - ich auch" (alle Zitate mit Originalquellen hier).
Mit seiner Zustimmung zu dem in der Nacht zu Mittwoch von Unterhändlern
der EU-Mitgliedsstaaten, des Europaparlaments und der Europäischen
Kommission ausgehandelten Kompromiss sorge Schäuble nun dafür, dass der
Wahnsinn weitergeht, kritisierte foodwatch-Geschäftsführer Thilo Bode.
Denn die Einigung auf die Finanzmarktrichtlinie MiFID 2 sieht nur
scheinbar eine strenge Begrenzung der Finanzspekulation mit
Agrarrohstoffen vor. Zwar sollen Positionslimits - also eine Begrenzung
der Anzahl spekulativer Kontrakte - eingeführt werden, allerdings nicht
von einer zentralen europäischen Aufsichtsbehörde, sondern von jedem
EU-Staat selbst. Dadurch ist ein Standortwettbewerb der Finanzplätze
programmiert - und in einem solchen Wettbewerb kann ein Land nur dann
gewinnen, wenn es möglichst laxe Limits setzt. Wollte eine Regierung mit
strengen Positionslimits zur Eindämmung der Nahrungsmittelspekulation
beitragen, könnte sie dies nur zu Lasten der heimischen Finanzindustrie
und auf Kosten von Arbeitsplätzen und Steuereinnahmen umsetzen.
Wolfgang Schäuble hatte im Juni 2013 bereits einem Entwurf des
Finanzministerrats für die MiFID-Richtlinie zugestimmt, der zahlreiche
Schlupflöcher zur Fortsetzung der ungezügelten Agrarspekulation ließ. Im
August 2013 kursierte dann jedoch ein Positionspapier des
Bundesfinanzministeriums, das eine Kehrtwende darstellte: Dem Papier
zufolge sprach sich die Bundesregierung vor allem dafür aus, dass
Positionslimits zentral und einheitlich gesetzt werden. Mit einer
Zustimmung zum MiFID-Kompromiss verabschiedet sich Schäuble davon und
erfüllt eine wesentliche Forderung der Deutschen Bank. Diese hatte sich
durch Lobbyarbeit und in den USA auch juristisch massiv gegen die
Einführung von Positionslimits zur Wehr gesetzt.
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