Es ist für mich schwer zu glauben, aber offenbar gibt es unter den Campact-Aktiven tatsächlich Einzelne, die den homophoben Aufruf “Kein Bildungsplan 2015 unter der Ideologie des Regenbogens” unterstützen. Ich empfehle diesen Menschen Nachdenklichkeit – und Scham.
Denn die Petition auf openPetition ist im Geist der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit geschrieben, auch wenn im Text Gegenteiliges behauptet wird. Das ist insbesondere im ursprünglichen Petitionstext zu sehen, der von der Redaktion von openPetition abgelehnt wurde, weil er gegen die Nutzungsbedingungen des Petitionsportals verstieß. Auch dass die Petition auf rechten Plattformen im Internet wie „Politically Incorrect“ intensiv beworben wird ist ein deutliches Indiz für ihren Charakter. Ohne den Hintergrund einer diskriminierenden Einstellung macht die Petition auch keinen Sinn, wie ein kleines Gedankenexperiment zeigt.
Sexuelle Orientierung ist nicht anders zu werten als die Frage, ob ich mit meiner linken oder mit meiner rechten Hand schreibe. Die meisten schreiben mit Rechts, einige mit Links, was soll’s, es funktioniert beides. Es wäre doch völlig hirnrissig, von Linkshändern zu verlangen, ihre natürliche Präferenz abzulegen oder zu verbergen. Es würde ihr Menschenrecht verletzen, ihre Hände nicht so benutzen zu dürfen wie es ihrer Natur entspricht.
Früher hat man versucht, aus Linkshändern Rechtshänder zu machen. Kinder wurden mit Schlägen und Strafen umtrainiert. Linkshänder blieben sie trotzdem. Die Erkenntnis, dass die Neigung mit links zu schreiben völlig natürlich und gesund ist, hat viel unnötigem Leid ein Ende gemacht. Nehmen wir also einmal an, in unserer Gesellschaft wären Vorurteile gegen Linkshänder weit verbreitet. Kinder würden deshalb gehänselt und von Lehrern zurechtgewiesen. Wäre da ein Bildungsplan, der darüber aufklärt dass das Schreiben mit Links genauso gut funktioniert wie mit Rechts nicht eine prima Sache?
Die Diskriminierung, die Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung erleiden müssen ist immer noch sehr weit verbreitet. Nicht nur in Russland, auch bei uns ist sie leider Alltag. Sie ist als demütigendes “Schwulenklatschen” geradezu ein Hobby für manche Menschen, die für ihre Aggressivität ein Ventil suchen. Doch die Ablehnung im Familien-, Freundes- oder Kollegenkreis ist nicht minder verletzend. Es fühlt sich furchtbar an, den Menschen verleugnen zu müssen, den man liebt – weil sonst Anfeindung, Gewalt oder Verlust des Arbeitsplatzes die Folge wären. Ich kenne dieses Gefühl und wünsche es niemandem.
Der Bildungsplan 2015 des Landes Baden-Württemberg will unter anderem junge Menschen zur Toleranz für die unterschiedlichsten Lebensformen erziehen. Damit wirkt er Gewalt und seelischen Verletzungen entgegen und fördert ein positives Klima an der Schule. Das nützt allen. Deshalb unterstützen wir ihn.
Den Bildungplan als “Ideologie” oder “Indoktrinierung” zu bezeichnen ist eine Verunglimpfung. Denn genau darum geht es in diesem Teilaspekt des Bildungsplans nicht. Es geht um Aufklärung, die ein Teil der Erziehung im Sinne der Grund- und Menschenrechte ist.
Das kann nur als “Ideologie” verurteilen, wer dem Geist gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit verhaftet ist. Diesen Geist benennen wir klar als das, was er ist: rückschrittlich, unfair, unsolidarisch, intolerant.
Eine solche Haltung wird auch nicht besser, wenn ihr formelhaft der berühmte Halbsatz vorangestellt wird: “ich bin ja für Toleranz, aber”. Wer Toleranz sagt, und diese gleich wieder einschränkt, kann sich die Mühe sparen. Tut mir leid, ich muss das so klar sagen: Nach meiner Lebenserfahrung sind fast alle Sätze die so beginnen von vorne bis hinten verlogen.
Wer Schwule, Lesben und Menschen mit einer Identität zwischen den Geschlechtern nicht als gleichwertige und willkommene Mitglieder unserer Campact-Gemeinschaft akzeptieren kann sollte sich überlegen, ob er oder sie bei uns richtig aufgehoben ist. Ich zitiere aus den Campact-Positionen:
Nach Artikel 3 des Grundgesetzes sind alle Menschen vor dem Gesetz gleich. Campact setzt sich dafür ein, dass dieser Anspruch umgesetzt wird. Kein Mensch darf wegen seines Geschlechts, seiner Abstammung, Herkunft, seines Glaubens oder seiner religiösen und politischen Anschauungen, seiner sexuellen Orientierung oder seiner Behinderung benachteiligt werden.
Das Versprechen des Grundgesetzes ist bisher nur zum Teil zur Realität unserer Gesellschaft geworden. Frauen werden immer noch beim Zugang zum Arbeitsmarkt und bei der Entlohnung benachteiligt. Familie und Beruf müssen endlich für alle Eltern vereinbar werden. Gravierende Rechteverletzungen sieht Campact auch bei in Deutschland und Europa schutzsuchenden Flüchtlingen. Auch bei der Gleichberechtigung gleichgeschlechtlicher Paare besteht Handlungsbedarf.Es ist Ihre Entscheidung. Wofür stehen Sie?
Offener Brief an alle “ich-bin-ja-für-Toleranz-aber”s | Campact Blog

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